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Reportagen 29.12.2009
-

Die Psyche vergisst nie - Warum Natalie zu Inge und Ulrich nicht Mama und Papa sagt

Karin C. Punghorst
Osnabrücker Land.
Natalie weint. Das zweijährige Mädchen steht in seinem Gitterbettchen und will raus. Es hat schlecht geträumt. Es sucht Geborgenheit. Gut, dass Inge da ist. Die Frau Anfang 50 tröstet das Kind. Sie findet die passenden Worte, streicht ihm liebevoll über den Kopf, legt das Kopfkissen zurecht und sucht das aus dem Bett gefallene Kuscheltier.

Kinder haben ein Recht darauf, an die Hand genommen zu werden. Das gilt auch im übertragenen Sinn: Kinder brauchen Liebe und Fürsorge, damit sie sich entfalten können.
Kinder haben ein Recht darauf, an die Hand genommen zu werden. Das gilt auch im übertragenen Sinn: Kinder brauchen Liebe und Fürsorge, damit sie sich entfalten können.
Foto: dpa
Alles geht gut: Zehn Minuten später schläft Natalie wieder, und Inge geht zurück in ihr Bett. Es ist vier Uhr nachts.

Jede Mutter, jeder Vater kennt so eine Situation. Oft werden die Kinder dann mit ins eigene Bett genommen. Im großen Bett ist es warm, alle fühlen sich geborgen. Doch für Inge und ihren Ehemann Ulrich kommt das nicht infrage. Auch wenn Inge manchmal kurz davor steht, sie ist hin- und hergerissen: Sie ist müde, ihr ist kalt, das Kind weint – also schnell auf den Arm und ab ins Warme. Kuscheln.

Es ist so naheliegend, es scheint so natürlich. Doch: Inge ist nicht Natalies Mutter, sie ist aber ihre wichtigste Bezugsperson. Natalies leibliche Eltern können zurzeit nicht für sie sorgen. Das Kindeswohl ist gefährdet. Jugendamt und Familiengericht haben dafür gesorgt, dass Natalie aus der Familie rausgenommen wird. Wie es auf Dauer weitergeht, ist noch offen.

Pflege auf Zeit

Natalie ist über den Adoptions- und Pflegekinderdienst des Landkreises Osnabrück bei einer sogenannten Bereitschaftspflegefamilie im Münsterland untergebracht. Bei Inge und Ulrich. Aber nur für begrenzte Zeit. Nur so lange, wie eine dauerhafte Pflegefamilie für das Mädchen gefunden wird, oder bis sie zu ihren leiblichen Eltern zurückkehren kann.

Inge und Ulrich sind da, um das Kind zu stabilisieren, für das langjährig verheiratete Paar geht es darum, den Kindern, die sie auf Zeit aufnehmen, „die Freude am Leben zurückzugeben“.

Im April 2007 zog der erste Schützling bei ihnen ein. Natalie ist ihr viertes Pflegekind. Sie lebt nunmehr seit 14 Monaten bei ihnen. „Viel zu lange“ für die beiden. Nicht weil sie Natalie nicht mögen. Nein, im Gegenteil: „Das Herz ist weit offen“, sagt Inge. Das Wort Liebe vermeidet sie, doch das Band zwischen den dreien ist offensichtlich, es ist spürbar. „Letztes Jahr haben wir Weihnachten zusammen verbracht, es war uns damals klar, dass es keinen zweiten gemeinsamen Heiligabend geben wird. Jetzt sind wir immer noch zusammen“, erzählt Ulrich.

Die Trennung kam in diesen Tagen „Knall auf Fall“, wie Inge klagt. Natalie musste am Mittwoch vergangener Woche ihren Großeltern übergeben werden – auf Probe. Gegen einen sogenannten „Anbahnungsprozess“, der eine langsame Annäherung vorsieht, haben die Großeltern erfolgreich Widerspruch beim Oberlandesgericht Oldenburg eingelegt, obwohl sie ein vorgesehenes Hilfsangebot des Jugendamtes abgelehnt hätten, berichtet Inge. Die Nerven liegen blank. Inge zweifelt daran, ob Natalie demnächst richtig umsorgt wird, ob das kleine Kind sich bei den Großeltern nach ihren Möglichkeiten entfalten kann. Und sie fragt sich, ob die Großeltern wirklich die richtigen Begleiter für Natalie sind. „Die mangelnde Erziehungsfähigkeit der Mutter muss doch irgendwo herkommen.“ Inge ist mittlerweile skeptisch, ob Familienrichter zwischen traumatisierten Kindern wie Natalie und Scheidungskindern unterscheiden können.

 Die Kinder, die zu Inge und Ulrich kommen, sind traumatisiert. Was immer auch in ihren leiblichen Familien vorgefallen ist – Vernachlässigung, psychische oder physische Gewalt –, die Kinder haben Angst. Massive Angst, die den Körper und die Seele in ständige Anspannung setzen. Studien haben erwiesen, dass bei entsprechender Veranlagung massive Depressionen entstehen können. Eine Hypothek, an der die Kinder oft noch als Erwachsene zu tragen haben, indem sie etwa wegen mangelnder Bindungsfähigkeit keine Partnerschaften eingehen können.

 Bei Inge und Ulrich lernen die Kinder, wieder Vertrauen zu fassen. Vertrauen in sich und in ihre Umwelt. Egal wie alt die Kinder sind, Inge hat beobachtet, „dass sie ganz besondere Antennen haben. Die kriegen alles mit.“

 Der Kontakt ist intensiv. Natalie ist ein aufgewecktes Mädchen. Sie will Mama und Papa zu Inge und Ulrich sagen. So machen es ja auch die drei leiblichen Kinder des Ehepaares, das will Natalie natürlich auch. Doch Inge und Ulrich sind konsequent, sie sind immer da, sie sind wie Eltern, sie trösten, sie umsorgen, sie erziehen. Doch sie bleiben Inge und Ulrich. „Bei uns sollen die Kinder korrigierende Erfahrungen machen“, sagt Ulrich.

 Die beiden haben gelernt, die Kinder, denen sie Obhut geben, wieder loszulassen. Wichtig sei dabei, dass sie in der endgültigen Entscheidung über den Aufenthalt des Kindes eine positive Perspektive sehen. „Wir wissen, dass das Negativerlebnis mit dem Rausnehmen aus der leiblichen Familie dann an uns hängen bleibt. Für das Kind beginnt nach uns ein neuer Lebensabschnitt, für den wir wichtige Voraussetzungen geschaffen haben“, stellen Inge und Ulrich gemeinsam heraus.

 Die Kinder brauchen viel Liebe und Aufmerksamkeit. Und gerade das erfordert eine alltagstaugliche Balance zwischen Nähe und Distanz und ein hohes Maß an Reflexion. Wie ist es möglich, einem Kind Geborgenheit zugeben, wenn feststeht, dass es die Familie wieder verlässt? Und wie ist es möglich, dies zu leisten, ohne dasKinddabei so sehr in sein Herz zu schließen, dass der Abschied nicht tragisch ist?

Inge und Ulrich wissen ob dieser Herausforderung, sie haben gelernt, damit zu leben, sogar gut zu leben. Sie haben sich bewusst für die sogenannte Bereitschaftspflege entschieden.

Ihre drei eigenen Kinder „sind aus dem Gröbsten raus“. Der Älteste ist bereits 24 und ausgezogen. Sein ehemaliges Zimmer ist jetzt für die Familienmitglieder auf Zeit reserviert. Die anderen beiden Kinder wohnen noch zu Hause, sind aber auch schon 17 und 21 Jahre alt. „Manchmal habe ich sogar ein schlechtes Gewissen gegenüber meinen eigenen Kindern, die hatte ich längst nicht so bewusst im Visier wie jetzt etwa Natalie“, erzählt Inge.

Lebenserfahrung

Die Anforderungen sind immens. Inge ist gelernte Erzieherin und hat mehrere Jahre in einer Kinderklinik gearbeitet. Noch viel wichtiger ist, dass sie und ihr Ehemann stabile Familienverhältnisse und auch ein gewisses Maß an Lebenserfahrung mitbringen. Die beiden haben sich bewusst – auch mit Blick auf ihr Alter – dafür entschieden, keine Dauerpflege zu übernehmen. „Wir wollen eine sinnvolle Tätigkeit“, sagt Ulrich.

Inge dokumentiert die Entwicklung der Kinder. Dazu ist sie gegenüber dem Landkreis Osnabrück verpflichtet. Und sie gestaltet ein Fotoalbum. Das kriegen alle Kinder mit, wenn sie die Familie wieder verlassen. Auch Natalie. Was bleibt? Inge hat ihre Antwort gefunden: „Die Psyche vergisst nie.“

*Die Namen des Kindes und der Bereitschaftspflegefamilie haben wir zur Wahrung des Persönlichkeitsschutzes verändert.

 

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